Haltung oder …?

Warum es nicht auf die Haltung ankommt

Immer wieder ist zu hören, dass es bei der Verwirklichung der „inklusive Schule“ auf die Haltung der Lehrkräfte ankäme. Nachfolgend sechs kritische Gedanken dazu aus:

Joachim Wolff (2025): „Aufbruch ins unentdeckte Land: inklusive Schule. Innenansichten auf die Entwicklung einer Schule der selbstverständlichen Verschiedenheit.“ Hamburg: BoD · Books on Demand GmbH.

 

Haltung und soziale Berufe, S. 145

„Wer sollte sich für etwas anstrengen, das von Anfang an für falsch, unerreichbar oder gar als ungerecht empfunden wird? In vielen Bereichen, zum Beispiel in der Gestaltung von Unternehmenskultur, aber insbesondere in sozial bedeutsamen Bereichen wie der Krankenpflege, der therapeutischen Arbeit, der Arbeit in Kindergärten oder der Jugendhilfe, wird davon gesprochen, dass es auf die Haltung ankäme. Ich habe noch nie gehört, dass es auch bei Produktionshelfern an Fließbändern auf die Haltung ankäme. Berufliche Arbeit und Haltung tauchen in der Regel nur in sozial bedeutsamen Kontexten auf. Auch in den Schulen wird im Zusammenhang mit dem Aufbau inklusiver Strukturen immer wieder an die dafür notwendige Haltung appelliert. (…)“

Haltung und Berufswahl, S. 147 f.

„Auf die Haltung kommt es an. Insbesondere in Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Inklusion darf dieser Satz anscheinend nicht fehlen. Das Wort „Haltung“ bezieht sich auf eine „innere Einstellung und das dadurch geprägte Denken, Handeln, Auftreten, Verhalten“. Denken, handeln, auftreten, sich verhalten sind menschliche Aktivitäten, daher können es auch nur einzelne Menschen sein, die Träger einer in ihnen – wie auch immer – entstandenen Haltung sind. (…) Gibt es die „richtige Haltung“, die einen zur „guten Lehrkraft“ macht? Woran erkennt man eine falsche Haltung? Kann man, darf man, mit einer falschen Haltung Lehrerin oder Lehrer werden? Wenn es auf die Haltung wirklich ankäme, müsste diese dann nicht vor Eintritt in das Lehramtsstudium geprüft werden? (…)“

Frühe Innovatoren und heutiger gesetzlicher Auftrag, S. 148

„Ein inklusiver Wertekanon entwickelt und verfeinert sich in einem dialektischen Prozess zwischen dem, was in kritischer Reflexion des eigenen Tuns an neuen Erkenntnissen erworben wird, und den Auswirkungen dieser neuen Erkenntnisse auf das zukünftige eigene Handeln. Solche Wertentwicklungsprozesse waren in den Anfangsjahren integrativer Schulentwicklung sicherlich abhängig von der persönlichen Haltung der einzelnen Beteiligten. Wie sonst hätte in einer weit überwiegend exklusiv denkenden deutschen Schulwirklichkeit integrative Schulentwicklung von engagierten Elterngruppen und Gesamtschullehrkräften wie in Bonn oder Köln materielle Kraft entfalten können? Für das Land Bremen stellt sich aber die Situation seit 2009 völlig anders dar: Die Umsetzung des Inklusionsauftrag ist gesetzlich verankerte Pflicht jeder Bremer Lehrkraft. Auf die Haltung kommt es nicht (mehr) an.“

Haltung als persönliche Belastung, S. 155

„(…) Inklusion ist an fragmentierten Schulen tatsächlich eine Frage der individuellen Haltung und wird so gleichzeitig auch zur persönlichen Last. Die Behauptung, dass es auf die Haltung ankäme, die persönliche innere Einstellung, individualisiert den schulischen Entwicklungsauftrag und verstärkt eine dramatische Fehlentwicklung. Die Anforderung an die Entwicklung einer Institution wird zur Anforderung an vereinzelte Personen. Wie schon dargestellt, können Einzelne jedoch den komplexen Individualisierungsauftrag gar nicht allein umsetzen. Ihr zwangsläufiges Versagen an dieser nicht leistbaren Aufgabe führt bei den Betroffenen nicht nur zu Zweifeln an der eigenen Haltung, sondern auch zu maximal ungesunden Belastungssituationen. (…)“

Werte und Werturteile statt Haltung, S. 156

„Die in einem Leitbild fixierten Willensentscheidungen haben Folgen. (…) Erst nach der willentlichen Entscheidung für bestimmte Werte kann die Frage nach den daraus resultierenden Urteilen gestellt werden. Ähnlich wie die Frage nach dem Wert ist auch die Frage nach der Bedeutung des Wortes „Urteil“ nicht banal. In der Regel sind Urteile auf Werten basierende Entscheidungen. Man kann auf dieser Grundlage einerseits die Werte kritisch betrachten, die den Urteilen zugrunde liegen. Andererseits kann eine Handlung auch danach beurteilt werden, wie sie der Realisierung der gewählten Werte dient. So sind Urteile einer Überprüfung zugänglich. Es kommt daher nicht auf die individuelle Haltung einzelner Handelnder an, sondern auf die offenkundig gemachten Werte und Werturteile einer schulischen Organisation, die Probleme lösen will.“

Schulorganisation und Haltung, S. 262

In inklusiven Schulklassen, so berichtet der Bildungsforscher Michael Grosche, gebe es immer wieder Beobachtungen zur Ausgrenzung von förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern. Nach seiner Auffassung hänge es stark von der Lehrkraft ab, wie zugehörig sich diese Kinder und Jugendlichen fühlten. (…) Aber wieder wird ein Einzelaspekt zum Kernproblem. Es fehlt eine differenzierte ganzheitliche Sichtweise, die bezogen auf das System Schule unabhängig von den agierenden Einzelpersonen das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen innerhalb einer Schule wirkenden Einflussfaktoren erklärt und nutzbar macht. (…)  Mit einer Sicht wie der von Grosche wird der Erfolg oder Misserfolg von Inklusion erneut zur individuellen Last der vereinzelten Lehrkräfte. (…) Deswegen ist eine Organisation von Schulentwicklungsprozessen erforderlich, die es allen ermöglicht, ohne Angst verschieden zu sein. Das kann eine einzelne Lehrkraft nicht leisten. Daher werden sich Schulen, in denen es allein auf die individuelle Haltung einzelner Lehrkräfte ankommt, niemals zu inklusiven Schulen entwickeln können.