Januar Brief

Liebe Leserinnen und Leser,

das neue Jahr hat begonnen und Jahresanfänge sind in der Regel mit Wünschen und guten Vorsätzen verbunden. Ich wünsche mir, dass es 2026 mehr Schulen gelingt, aus der „Fragmentierungsfalle“ zu entkommen. Schon 1990 beklagten Dalin und Rolff die Tatsache, dass es sich bei der überwiegenden Zahl der deutschen Schulen um fragmentierte Schulen handele. Aber auch nach mehr als 35 Jahren hat sich das nicht geändert.

Eine fragmentierte Schule ist ein Lernort, an dem die pädagogisch Tätigen grundsätzlich nur für sich selbst und ihre eigenen Lerngruppen Lösungen suchen. Anderes wird von ihnen auch nicht erwartet. In einer fragmentierten Schule wirken sich innere wie äußere Einflüsse nur dann auf das konkrete Unterrichtsgeschehen aus, wenn sich einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich angesprochen fühlen.

Die Beschäftigten agieren in der Regel isoliert. Ihre schulische Arbeit ist eine einsame Tätigkeit. Veränderungen erfolgen zufällig und individuell. Es gibt keine gemeinsame Strategie. Fragmentierten Schulen fällt es schwer, Anregungen unter Nutzung von Synergieeffekten aufzugreifen, die aus einer systematischen Zusammenarbeit erwachsen könnten. Schulentwicklung bleibt dort eine Frage der individuellen Haltung. Nachhaltige Innovationen sind in fragmentierten Schulen kaum zu etablieren.

Diese strukturelle Unverbundenheit stellt das größte Hindernis auf dem Weg zur inklusiven Schule dar. Inklusion erfordert von den Schulen, selbstverständlich mit Verschiedenheit umzugehen. Das ist auch für die wohlmeinendsten Einzelkämpfer unschaffbar. Häufig versuchen fragmentierte Schulen die Anforderungen, die sich durch das Inklusionsgebot ergeben, mit einer stetig wachsenden Zahl von alleinstehenden Projekten zu bewältigen. Das steigert die Überforderung der pädagogisch Tätigen. Eine Vielzahl von Schulentwicklungsinitiativen steht ohne verbindendes Konzept nebeneinander. Sie werden von engagierten einzelnen Akteuren verfolgt, ohne dass der Blick auf die Nachhaltigkeit und den gemeinsamen Nutzen gerichtet ist. Ich würde mich daher freuen, wenn es solchen Schulen gelänge, sich um einen „Kondensationskern“ für den eigenen Innovationsprozess zu sammeln: Eine einzige und für längere Zeit ausgewählte zentrale Kernaufgabe, um die herum sich die weiteren Aktivitäten gruppieren.

In der Physik werden diese Kerne als unverzichtbare Anlagerungspunkte beschrieben. Sie ermöglichen es Wasserdampf, zu Tröpfchen zu kondensieren. Entscheidend ist dabei, dass sie die benötigte Energiemenge für diesen Prozess drastisch senken. Dieses Prinzip lässt sich auf die Institution Schule übertragen: Werden Veränderungsprozesse konsequent um ein zentrales, tragfähiges Element gruppiert, sinkt der notwendige Kraftaufwand für das Gesamtsystem. Diese gezielte Fokussierung bündelt die Kräfte der Organisation und steigert so die Erfolgswahrscheinlichkeit für nachhaltige Innovationen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass es Ihnen trotz aller Widrigkeiten, mit denen wir aktuell weltweit konfrontiert sind, gelingt, an Ihrer Schule gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen einen solchen Kondensationskern zu finden.

Mit besten Wünschen für das neue Jahr

Ihr

Joachim Wolff