März-Brief 2026

Brief im März 2026

Betreff: Warum Schulen alleine nicht kompetent werden können

Liebe Freundinnen und Freunde,

Kompetenz in der Schulentwicklung ist kein abstrakter Begriff, sondern zeigt sich ganz praktisch an dem, was Schulen bewegen und gestalten. Doch wie entsteht Kompetenz? Kompetenz erscheint mir oft als kompliziertes Wort für etwas ganz Einfaches: Man kann sehen, dass einer etwas kann. Das Herkunftswörterbuch übersetzt kompetent mit „zuständig, maßgebend, befugt“.

Zweifellos sind Schulen befugt, sich zu entwickeln und selbstverständlich dafür zuständig. Doch die entscheidende Frage ist: Wann ist ihr Handeln „maßgebend“? Was heißt es, ein Maß zu geben? Wenn wir das Wort so verstehen, dann geht es um das Setzen eines Standards, der auch für andere Gültigkeit hat. Das entzieht sich jedoch der Bewertung durch die einzelne Schule. Dafür braucht es andere. Schulen können daher Kompetenz nicht ohne organisierte Austauschprozesse mit anderen entwickeln. Kompetenz entsteht dort, wo Schulen Besuch empfangen, vernetzt sind und sich dem Dialog stellen.

Im Alltag übersetzen wir „kompetent sein“ auch immer damit, etwas mit Sachverstand zu tun. Worin zeigt sich solcher Sachverstand? Er zeigt sich insbesondere darin, dass die schulischen Akteure sich darüber bewusst sind, in einer Institution zu arbeiten, die ihr Ziel, das Lernen der Kinder und Jugendlichen, nicht erreichen kann. Das können nur die Schülerinnen und Schüler selbst. Jürgen Habermas schrieb schon 1961:

                    „(…) Die Unvertretbarkeit des Subjektes im Bildungsprozeß verlangt, das Bildungsstreben im Kind selbst hervorzurufen; Eltern können darin eine Stellvertretung nicht übernehmen. (…)“[1]

Und man muss ergänzen: Lehrkräfte auch nicht! Diese Tatsache anzuerkennen verlangt von den Schulen, ihrem Zweck zu folgen, Lernen zu veranlassen.

Eine kompetente Schule steckt ihre Kraft in die Gestaltung von Strukturen, die Lernen begünstigen. Wenn Lernen nur unvertretbar durch die Schülerinnen und Schüler erfolgen kann, dann ist Partizipation kein Bonus, sondern die Basis. Demokratische Schulkultur ist dort am stärksten, wo wir ernst nehmen, was wir selbstverständlich wissen: Menschen sind verschieden. Eine kompetente Gestaltung solcher Schulentwicklungsprozesse erfordert, dass Schulen sich als Orte der „selbstverständlichen Verschiedenheit“ begreifen. Solche Schulen arbeiten langfristig und nachhaltig daran, die vorhandene Vielfalt an Möglichkeiten zur demokratischen Beteiligung und Teilhabe maßgeblich auszubauen. Dazu brauchen sie den Austausch mit anderen, die Vernetzung.

Wenn Sie erleben wollen, wie dieser theoretische Anspruch mit wenig Aufwand in die Praxis übersetzt wird, empfehle ich Ihnen die „Projektvorstellungskonferenzen“ der Initiative Starke Schule (ISS). In moderierten Veranstaltungen schafft die ISS einen Raum für das gemeinsame Lernen vor Ort. Dieses Angebot möchte ich Ihnen heute sehr ans Herz legen, Kontakt über: https://www.fellows-ghst.de/gruppen/initiative-starke-schule/

 

Herzliche Grüße

Ihr

Joachim Wolff

 

[1] Jürgen Habermas: Pädagogischer „Optimismus“ vor Gericht einer pessimistischen Anthropologie. Schelskys Bedenken zur Schulreform. In: Neue Sammlung: Vierteljahres-Zeitschrift für Erziehung und Gesellschaft, Band 1, 1961, S. 258.