November-Brief

November 2025

Guten Morgen,

 

endlich nimmt diese Homepage Gestalt an – alles braucht seine Zeit. Wie auch andere Entwicklungen und Innovationen. Der Soziologe Everett M. Rogers beschreibt in „Diffusion of Innovations“ (2003, S. 7 f.) einen Entwicklungsprozess, der mehr als 250 Jahre dauerte: 1601 untersuchte Kapitän James Lancaster die Wirksamkeit von Zitronensaft gegen Skorbut, der damals häufigsten Todesursache unter Seefahrern. Seine Ergebnisse waren eindeutig, führten jedoch zu keinen Veränderungen. 1747 führte Marinearzt James Lind eine ähnliche Studie durch, aber erst 1795 zog die britische Marine die lebensrettenden Konsequenzen. Dennoch dauerte es noch bis 1865, bis auch die britische Handelsmarine Skorbut ausrottete.

 

Rogers’ Beispiel zeigt, dass Innovationsprozesse Geduld erfordern, manchmal über Generationen hinweg. Diese Erkenntnis betrifft auch Schulentwicklungsprozesse. Wer sich an der Schaffung von „Schulen der selbstverständlichen Verschiedenheit“ beteiligt, braucht Hartnäckigkeit. Die Preußischen Reformen ab 1807 machten auch eine Neugestaltung des Schulwesens notwendig. Wilhelm von Humboldt, Staatsrat Johann Wilhelm Süvern und andere erarbeiteten 1819 einen Gesetzesentwurf, der die allgemeine Bildung aller Menschen zum Ziel hatte. Zu diesem Entwurf äußerte der spätere Leiter des Volksschulreferats im preußischen Kultusministerium, Ludolph von Beckedorff: „Es gibt nun einmal verschiedene Stände und Berufe in der menschlichen Gesellschaft; sie sind rechtmäßig, sie sind unentbehrlich. (…) Je länger der Jugend die Verschiedenheit der menschlichen Verhältnisse verheimlicht wird, als eine desto größere Last muss sie ihr hinterher erscheinen; (…)“. Es bedürfe „nach bisheriger alter Weise, guter Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen“, in denen die Schüler ihrem Stand gemäß, „(…) von Kindesbeinen an zu ihrer künftigen Bestimmung vorbereitet werden“. Letztlich scheiterten Humboldt und seine Wegbegleiter an solchen Vorstellungen die zum Aufbau der deutschen Standesschulen führten (siehe: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/229629/schulgeschichte-bis-1945-von-preussen-bis-zum-dritten-reich/#node-content-title-1; Letzte Abfrage 11.11.2025).

 

Letztlich geht es auch beim Aufbau inklusiver Schulen immer noch um die Fortsetzung der über 200 Jahre alten Idee einer allgemeinen Bildung für alle Kinder und Jugendlichen. Ist es nicht bemerkenswert, dass das Wort „Inklusion“ in der „Vereinbarung zwischen Bund und Ländern zur Umsetzung des Startchancen-Programms für die Jahre 2024 bis 2034“ nicht vorkommt? Nur in einem Absatz zur wissenschaftlichen Begleitung auf S. 20 wird in einem Unterpunkt erwähnt, dass „(…) Erkenntnisse über wirkungsvolle Ansätze einer leistungsfördernden, diversitäts- und ungleichheitssensiblen sowie inklusiven Schul- und Unterrichtsentwicklung (…)“ generiert werden sollen.

 

Viel Mut und Geduld wünscht Ihnen

Joachim Wolff