Betrifft: Die Schule als Arbeits-Zuhause
Liebe Freundinnen und Freunde,
um förderliche Gestaltungsmöglichkeiten für Schulen ans Licht der Welt zu bringen, braucht es manchmal Hebammen. Karin Doberer, Gründerin und Geschäftsführerin von LernLandSchaft (https://lern-landschaft.de), ist so eine. Ich kenne sie schon viele Jahre. In diesem Monat feiert sie ihr 25-jähriges Firmenjubiläum. Viele Diskussionen mit ihr und ihren Mitarbeitenden haben dazu beigetragen, meine Sicht auf Schulraumgestaltung zu erweitern. Ich möchte meinen September-Brief aber nicht nur dazu nutzen, ihr zu gratulieren, sondern dies als Anlass nehmen, einen Gedanken zu verfolgen, der mich schon lange Zeit beschäftigt:
Vor vielen Jahren erzählte mir ein Hausmeister lachend, dass die Lehrkräfte an seiner Schule bei Hitzefrei schneller vom Hof seien als die Schülerschaft. Eine Beobachtung, die ich als beschämend empfand. Wir verbringen viel Lebenszeit an unserem Arbeitsort. Es wäre doch wünschenswert, wenn wir ihn als „Arbeits-Zuhause“ empfinden könnten.
Ein „Arbeits-Zuhause“ trotz Fragmentierung?
Lehrkräfte arbeiten selten eng zusammen, ihre Unterrichtsstunden sind meist mit Hilfe von Lehrwerken erstellte Unikate. Wer so arbeitet, trägt zudem allein die Verantwortung für die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben. Das gehört zur Arbeit in fragmentierten Schulen. Der gesetzlich geforderte Aufbau inklusiver Schulen wird scheitern, wenn individualisierte Arbeitsprozesse weiterhin in weit überwiegendem Maß die Grundlage der beruflichen Arbeit in den Schulen darstellen. Ihr Aufbau kann nur auf der Basis vielgestaltiger arbeitsteiliger Kooperationen gelingen. Was kann dazu beitragen?
Ein Zuhause sollte eine erholsame Rückzugsmöglichkeit sein, wo man sich mit Dingen beschäftigt, die man gerne tut. Lebt man mit anderen zusammen, wird dieser Raum zusätzlich zu einem sozialen Aushandlungsort, an dem die eigenen Gestaltungswünsche auf die Bedürfnisse der Mitwohnenden treffen. Wenn es gut läuft, entsteht hier eine Keimzelle sozialer Geborgenheit. Schulische Gemeinschaften sind dagegen stark fremdbestimmt: Schulbehörden bestimmen das Kollegium, Kinder und Jugendliche sind zum Besuch verpflichtet und Möbel werden gemäß Rahmenvertrag aus dem Katalog bestellt. Lehrkräfte haben kaum Kontrolle über Plätze, die sie in Besitz nehmen können. Insofern ist leicht zu verstehen, warum kaum jemand von einer Schule als „Arbeits-Zuhause“ denken und sprechen würde.
Ein Zuhause muss man schaffen!
Wenn Menschen zusammenarbeiten, um ihre Ziele durch die Teilung von Wissen und Fähigkeiten gemeinsam besser zu erreichen, brauchen sie Raum dafür. Dass „Raum“ viel mehr ist als vier Wände mit Boden und Decke, merkt man, wenn sich im Schulgarten eine Ansammlung von Wolldecken plötzlich in einen Lernraum verwandelt. Die Beschäftigten einer inklusiven Schule brauchen gleichermaßen eine Verwandlung des Blicks auf ihren Raum.
Ein Raum wird zu einem Zuhause, wenn er mit positiven Emotionen aufgeladen ist. So ein Zuhause zeichnet sich durch Zusammengehörigkeit und Wohlbefinden aus. Es ist viel mehr als nur eine Adresse. Das sollte auch für ein „Arbeits-Zuhause“ gelten, das darüber hinaus Elemente der persönlichen Raumaneignung, Erlebnisse von Funktionalität, Inspiration und Motivation bieten müsste. Ein so verstandenes „Arbeits-Zuhause“ könnte erheblich stärker zur Teamarbeit anregen und dem Aufbau inklusiver Schulen zu einem spürbaren Entwicklungsschub verhelfen. Das wäre ein notwendiger Beitrag für die Schaffung eines Raums, in dem sich Lehrkräfte und andere Beschäftigte ganz selbstverständlich, gemeinsam und angstfrei mit noch unfertigen Überlegungen auseinandersetzen könnten. Eine elementare Voraussetzung für wirkliche Zusammenarbeit.
Architektur von Beziehungen
Pädagogische Architektur beginnt mit der baulichen Gestaltung der Arbeitsbeziehungen der beruflich in den Schulen Tätigen. Arbeitsbeziehungen sind ineinandergreifende Netze wechselseitiger Abhängigkeiten. Da Schulgebäude für Jahrzehnte geplant werden und das Lernen der Schülerinnen und Schüler konzeptionell vorwegnehmen, entsteht das berufliche Miteinander schon lange vor der ersten gehaltenen Unterrichtsstunde. Auch wenn das Lernen der Kinder und Jugendlichen Ziel der Schule ist, sind alle schulischen Beschäftigten eng verbunden. Als Beispiel sei auf die oft immer noch fälschlicherweise „Lehrerzimmer“ genannten Räume verwiesen. Lehrkräfte finden hier meist ungebremste Hektik statt erholsamer Ruhe vor. Wollte man dies ändern, müsste sich die Zusammenarbeit zwischen den Beschäftigtengruppen ändern, es bräuchte andere Raumaufteilungen sowie eine Neugestaltung der Ablauforganisation. Das Sekretariat müsste im Zentrum der Schule viele Dinge abfangen, die bisher Pausen erschweren. Zugleich wären Lehrkräfte in der Pflicht, alternative Ansprechzeiten zu nennen … Ein einzelnes Ziel hätte die Kraft, eine Folge interagierender Prozesse auszulösen, die an weiteren Stellen größere und kleinere Veränderungen veranlassen könnten.
Systeme verändern, nicht Individuen
Aber: Wissen die in Schule Tätigen wirklich, was sie brauchen, um ihren Arbeitsort zugleich als Zuhause erleben zu können? Ich glaube nicht. Was man bisher nie dachte, kann man schwer als fehlend empfinden. Schulen sind wechselwirkende Institutionen aus Erwartungen, Emotionen und Visionen, aber auch Räumen, Prinzipien und Hierarchien. Damit sie ihre Aufgabe als Orte des Lernens gut wahrnehmen können, müssen die Systeme analysiert werden, nicht die beteiligten Individuen. Analysen, die notwendig sind, um Systeme so zu verändern, dass sie Zusammenarbeit wahrscheinlicher machen. Das ist einer der elementaren Schlüssel zur Überwindung von Fragmentierung.
Ich wünsche mir, dass neu entstehende Schulen den Begriff des „Arbeits-Zuhauses“ als Basis für ein ganzheitliches Verständnis ihrer internen Arbeitsbeziehungen nutzen. Schulkonzepte sollten dann „von Zuhause aus“ entwickelt werden.
Liebe Karin, meine besten Wünsche zum Firmenjubiläum! Es gibt auch für die nächsten 25 Jahre noch viel zu tun. Allen anderen wünsche ich viele gute Ideen, die helfen herauszufinden, wie sie gemeinschaftlich ihren Arbeitsort in Richtung auf ein „Arbeits-Zuhause“ gestalten könnten.
Herzliche Grüße
Joachim Wolff
