Betrifft: Kritische Anmerkungen zu den anstehenden pädagogischen Zwischenbilanzen
Liebe Freundinnen und Freunde,
im Oktober endet mit den Herbstferien fast überall das erste Quartal des neuen Schuljahres. In der Regel ist dies die Zeit, in der erste Gespräche mit den Erziehungsberechtigten darüber stattfinden, wie der Start der Kinder ins Schuljahr gelungen ist.
In den Bundesländern gibt es eine Vielzahl von Vorschriften, die sicherstellen sollen, dass die Erziehungsberechtigten über die schulische Entwicklung der Kinder angemessen informiert werden. Ich erinnere mich an Gespräche meiner Eltern mit Lehrkräften, die in meiner Abwesenheit geführt wurden. Ebenso erinnere ich mich an Aussprachen, an denen ich teilnehmen durfte und erfuhr, dass sich meine Leistungen in dem entsprechenden Fach zwischen drei und vier bewegten. Den Satz „Joachims Rechtschreibleistungen sind schlechter“ erinnere ich immer noch gut. Später arbeitete ich selbst an einer Schule und lernte einen Kollegen kennen, der seine Noten mit zwei Stellen hinter dem Komma ausrechnete. Was muss ein Gespräch mit den Erziehungsberechtigten um die Herbstferien herum beinhalten und leisten, wenn es im schulischen Kontext sinnvoll sein soll?
Das Geheimnis eines Sommers?
Die Herbstferien liegen in der Regel sechs bis acht Wochen nach dem Start ins Schuljahr. Die Klassen und Lehrkräfte haben sich mehr oder minder gefunden, alle Beteiligten konnten sich erste Eindrücke voneinander verschaffen: Einerseits entwickelten die Lehrkräfte Einschätzungen des individuellen Arbeits- und Sozialverhaltens, entweder als neue Eindrücke oder als Fortschreibung der vergangenen Jahre. Wissenslücken wurden entdeckt, vielleicht auch besondere Fähigkeiten wahrgenommen und soziale Dynamiken in den Lerngruppen beobachtet. Andererseits nahmen auch die Kinder und Jugendlichen Einschätzungen und Bewertungen ihrer Lehrkräfte vor. Also genau der richtige Zeitpunkt, um in einem formaleren Rahmen miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ein Gespräch allein zwischen Eltern und Lehrkräften ohne Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler macht das schulische Lehr-/Lernverhältnis jedoch zu einem Geheimnis zwischen Erwachsenen. In Gesprächen dieser Art gibt es für die eigene Sicht der Lernenden auf ihre Entwicklungen und Entwicklungshemmnisse keinen Raum. Ihre Perspektive ist nicht gefragt und ihnen wird weder Selbstwirksamkeit noch Verantwortung zugesprochen, im Gegenteil. Die Art der Berichterstattung reduziert die Kinder und Jugendlichen auf den Status von Objekten, denen Bildung eingeflößt werden muss, ganz so, als würde noch der Nürnberger Trichter Verwendung finden.
Ich habe an vielen Stellen ausgeführt, dass Bildung nur als dialogischer Prozess wirksam werden kann. Da das eigentliche Lernen ein intraindividueller Prozess ist, wird Unterrichten zu einer seltsamen Dienstleistung. Sie ist ein notwendiges Element in einem Bildungsprozess, in dem die Schülerinnen und Schüler nicht nur Kunden von Unterrichtsangeboten sind, sondern zugleich deren Mitproduzenten. Während die Schule den Zweck verfolgt, Bildung und Erziehung zu veranlassen, realisiert sich das Ziel der Schule, die Bildung der Kinder und Jugendlichen, ausschließlich in ihnen selbst. Ohne die Beteiligung der Lernenden entbehren schulische Rückmeldegespräche daher vollständig ihres Nutzens.
Aufwand und Ertrag
Die anstehenden Beratungen sind aus verschiedenen Gründen hoch aufwändig: Unterlagen sind zu sichten, Notizen zu erstellen und komplizierte Terminwünsche müssen bewältigt werden. Es ist emotional belastend, die Verantwortung dafür zu tragen, sich ein Bild vom Anderen zu machen und dies begründet zu vermitteln. Auch die Durchführung vieler Beratungen in kurzer Zeit mit unterschiedlichen Gesprächsteilnehmenden ist kräftezehrend, denn alle Teilnehmenden erscheinen mit eigenen konkreten Wünschen und Informationsbedürfnissen. Es ist daher wünschenswert, dass sich die Informationstage nicht zu einer weiteren Belastung für die Lehrkräfte entwickeln, sondern zu willkommenen Gestaltungsinstrumenten für die schulischen Lehr-/Lernprozesse. Dazu wären systemisch durchdachte, konzeptionelle Veränderungen erforderlich. Deren Realisierung braucht insbesondere den Mut von Schulleitungen, mit allen schulischen Beteiligten ins Gespräch zu kommen, um die Basis für eine Überwindung tradierter Zeitstrukturen zu schaffen. Gemeinsam kann es gelingen, Freiräume für systematisch gestaltete Beziehungsarbeit als elementar notwendigen Teil des Lehr-/Lernprozesses zu verankern.
Die Aufgabe der Gespräche besteht daher nicht darin, potenzielle Defizite aufzudecken oder sich auf einzelne vermeintliche Defizite zu verständigen. Da Notengebung keine exakte Wissenschaft ist, ist auch eine Einordnung von Leistungen in Zahlen zwischen eins und sechs keine pädagogisch sinnvolle Rückmeldung. Damit die Termine keine bürokratische Pflichtveranstaltung werden, sondern als zentrales Steuerungsinstrument einer dialogorientierten, partizipativen Lernkultur genutzt werden können, muss die Anerkennung der Einzigartigkeit des individuellen Lernwegs im Mittelpunkt stehen. Das bedeutet, die Verantwortung für den Lernprozess beim Kind zu verorten und die Gespräche davon ausgehend zu gestalten.
Drei Standpunkte – ein Gespräch
Nicht selten habe ich von Beratungsgesprächen gehört, in denen Lehrkräfte den Erziehungsberechtigten mitteilten, dass mit ihren Kindern alles in Ordnung sei. Man wisse gar nicht so genau, was man noch sagen solle. Das vermeintliche Fehlen eines Defizits scheint dem Gespräch die Grundlage zu entziehen. Dabei geht es in den Gesprächen gar nicht um die Frage: „Was stimmt mit dem Kind nicht?“. Es geht darum, Erfolgsgeheimnisse aufzudecken und deren Wirkung zu verstetigen. Es gibt für das Lernen keine Grenzen. Die richtige Frage heißt somit: „Was hat schon gut geklappt und wo müssen Barrieren abgebaut oder Unterstützungsmaßnahmen aufgebaut werden, um im eigenen Tempo und ohne Angst erfolgreich lernen zu können?“ Dazu müssen die Schülerinnen und Schüler sich aufgefordert fühlen, ihren eigenen Lernweg selbstständig und konstruktiv zu reflektieren. So wird der Besprechungstag für sie zugleich selbst zu einem Lerninhalt, indem er ihre eigene Reflexionstätigkeit herausfordert. Der Prozess gelingt jedoch nicht von alleine, er bedarf der pädagogisch strukturierten Begleitung zum Erlernen der erforderlichen Fähigkeiten im vorausgehenden Unterricht.
So könnten sich solche Gespräche zu einer wirksamen pädagogischen Triade aus Erziehungsberechtigten, Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften entwickeln. Natürlich gehört noch deutlich mehr dazu. Das würde aber den Rahmen sprengen. Nur ein Hinweis: Alle Erwachsenen haben eine eigene Erinnerung an Schule, die nicht immer schlicht und eindeutig positiv ist. Wenn Erziehungsberechtigte den Schulhof betreten, dann sind sie oft mit einer Reihe eigener Emotionen konfrontiert, die sich aus Gerüchen und Geräuschen, visuellen und taktilen Informationen ergeben. Daher müssen Lehrkräfte dies mitdenken und bei der Gestaltung der Gesprächsumgebung berücksichtigen. Augenhöhe entsteht nicht, wenn das Gespräch stattfindet, während die Lehrkraft sich auf dem gepolsterten Stuhl hinter dem Lehrkräftetisch befindet und die anderen Beteiligten auf den Stühlen der Schülerinnen und Schüler davor. Dieser kleine Ausflug in die räumliche Gestaltung ist als Hinweis darauf gemeint, wie sensibel und präzise die Gespräche geplant werden müssen.
Es ist gut zu wissen, dass in verschiedenen Bundesländern an Vorschlägen zu einer veränderten Rückmeldekultur gearbeitet wird. Das ist erforderlich, wenn die herbstlichen Gespräche ihren defizitorientierten Charakter zugunsten echter Lernförderung verlieren sollen.
Kleine Schritte gehen – große Wirkung erzielen
Der Erfolg derartiger Gespräche basiert auf der Anerkennung des grundlegenden Rechts auf eigene Entwicklung. Sie sprengen daher langfristig den Rahmen der traditionellen Gleichmacherei in den deutschen Schulen und Schulklassen. Hierdurch werden sinnvolle Alternativen zu den ansonsten nicht selten zu erlebenden Aufforderungen möglich, stärker die Hausaufgaben zu kontrollieren oder Nachhilfe zu organisieren. Das Kind ist in einem solchen Setting nicht das Problem, sondern der wichtigste Akteur. Grundlage des Gesprächs ist eine strukturierte Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler. Die Lernenden präsentieren, wo sie stehen, worauf sie stolz sind und welche Unterstützung sie von Lehrkräften und Erziehungsberechtigten benötigen.
Die Kinder und Jugendlichen brauchen dafür verständlich formulierte und gemeinsam als schaffbar vereinbarte individuelle „Wachstumsziele“, die sowohl Lerninhalte betreffen als auch das Arbeits- und Sozialverhalten oder beispielsweise die Einbindung in partizipative schulische Strukturen. Dabei geht es nicht um den Aufbau eines standardisierten Optimierungsdrucks, sondern um die nützliche und möglichst erfolgversprechende Gestaltung eigener Lernwege. Auf welcher Grundlage sollen die Schülerinnen und Schüler sonst eigene Reflexionsprozesse vornehmen? Erst darauf aufbauend können innerhalb der Triade gemeinsam konkrete Förder- und Entwicklungsziele für die kommenden Monate verabredet werden. Sie dienen dazu, den individuellen Lernweg jedes Kindes strukturell abzusichern. So entwickelt sich im Sinne einer dialogorientierten Lernkultur ein Drei-Standpunkte-Gespräch auf Augenhöhe.
Langfristig wird dies nicht ohne die inklusive Weiterentwicklung der Schulen zu „Schulen der selbstverständlichen Verschiedenheit“ gelingen. Ich möchte jedoch alle ermutigen, schon heute durch die Gestaltung der Rückmeldegespräche solche grundsätzlichen Entwicklungsprozesse in konkreten einzelnen Schritten vorwegzunehmen. Das gelingt, wenn die Frage nach dem Sinn der Rückmeldegespräche zu einer Frage aller schulischen Beteiligten wird. Die einzelnen Projekte in den verschiedenen Bundesländern können dafür den notwendigen Rückenwind schaffen. Denn eine veränderte Rückmeldekultur ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein Hebel, der dazu beitragen kann, starre Organisationsformen ins Wanken zu bringen.
Herzliche Grüße
Joachim Wolff
