Betreff: Vom Genuss der Veränderung
Liebe Freundinnen und Freunde,
vor Kurzem nahm ich an einer Veranstaltung teil, in der Dr. Tom Kehrbaum (IG Metall) davon sprach, dass es den progressiven Kräften an einer „Genuss-Theorie“ mangle. Das hat mich beschäftigt.
Genuss hat etwas mit positiven Sinnesempfindungen zu tun, mit geistigem Wohlbefinden. In Steven Spielbergs Film „Hook“ hat der erwachsene Peter Pan das Fliegen verlernt. Tinker Bell erklärt ihm, dass er nur einen einzigen großen, wunderbaren Gedanken finden muss, um es wieder zu können. Wenn ich nachdenke, meine Gedanken zu Papier bringe und nach einiger Mühe das Gefühl gewinne, endlich etwas Neues verstanden zu haben, dann kommt das für mich diesem einen großen, wunderbaren Gedanken nahe, der mich zumindest emotional fliegen lässt. Ein Zustand geistigen Wohlbefindens, der mich auch die vorangegangenen Mühen genießen lässt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir tatsächlich eine Theorie brauchen, die uns hilft, radikale Veränderungen mit Genuss zu verbinden. Erfolgreiche Veränderungen im Schulentwicklungsprozess müssen nicht alle denkbaren Aspekte umfassen. Komplexe Systeme können tatsächlich durch das Schlagen von Schmetterlingsflügeln zur Veränderung angestoßen werden. Auch kleine Schritte auf dem Weg zur inklusiven Schule können Zufriedenheit verschaffen und das Empfinden von Selbstwirksamkeit. Es sollte möglich sein, diese notwendigen Schritte mit Genuss zu entwickeln und zu realisieren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns lieber im bekannten Unglück bewegen, als uns dem unbestimmten Glück zuzuwenden. Vielleicht weil Veränderung unsicher macht und wir dann zuweilen vergessen, wie bereichernd neue Wege sein können.
Nicht selten hetzen wir durch unseren Alltag. Wir haben vermeintlich keine Zeit, auf die vielen kleinen Freuden rechts und links am Wegesrand zu achten. Der fehlende Blick auf den Wegesrand kam mir erstmals in der Frankfurter Bahnhofsbuchhandlung zu Bewusstsein: Sie ist gut sortiert, es gibt diverse Spezialabteilungen, aber keine für Schule und Pädagogik. Es ist, als ob man plötzlich bemerkt, dass es in den Gärten und Parks trotz der vielen Blumen nicht mehr summt und brummt. Und dann fällt einem auf einmal auf, dass man, anders als in der Kindheit, hunderte Kilometer mit dem Auto fahren kann, ohne dass die Windschutzscheibe von Insekten gereinigt werden muss. Gibt es inzwischen auch ein langsames Sterben des pädagogischen Austausches, der Suche nach neuen Impulsen, der Lust am Streit um den richtigen Entwicklungspfad? Was fehlt, damit die Menschen wieder in die Buchhandlungen strömen und pädagogische Fachbücher nachfragen, die sie genießen wollen?
Woran also müssen wir arbeiten, wenn wir eine Theorie zur genussvollen Schulentwicklung schaffen wollen? Ich schlage vor, diese zu entwickelnde Theorie auf drei Säulen aufzubauen:
- Gemeinschaftliche Erzählung: Die in den Schulen tätigen Erwachsenen brauchen ein verbindendes Element, das zur Überwindung der schulischen Fragmentierung beiträgt. Sie brauchen eine gemeinschaftsstiftende Erzählung, die sie zusammen weiterentwickeln können und die dadurch ihre Zusammenarbeit stärken kann: Wie sieht die Heldenreise der Mitarbeitenden dieser konkreten Schule aus? Heldinnen und Helden, die verstehen, warum sie auf dem Weg sind, nehmen Mühsal und Kummer auf sich, weil sie ihre Reise als lohnend und sinnstiftend empfinden. Das sind wichtige Voraussetzungen, um etwas genießen zu können.
- Professionelle Selbstreflexion: Eine Theorie der genussvollen Schulentwicklung braucht Professionalität. Das erfordert fachliche Kompetenz und Verlässlichkeit bei der Zielorientierung. Zur Professionalität gehört auch die Fähigkeit, sich an Veränderungen anpassen zu können. Heldinnen und Helden behandeln sich und andere mit Respekt. Der elementarste Aspekt heldenhafter Professionalität liegt in der Bereitschaft, Fehler einzugestehen, daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Nur wer sich selbst reflektiert, kann authentisch bleiben und erfolgreich werden. Selbstreflexion braucht die Gefährtinnen und Gefährten, denn nur im Austausch mit anderen können wir uns selbst gut verstehen. Mit gutem Grund schreibt Martin Buber davon, dass wir Menschen am Du zum Ich werden.
- Lust auf Subversion: Eine inklusive Veränderung der vorhandenen Schulen erfordert die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Der Versuch, die Schulen vom Kopf auf die Füße zu stellen, gelingt nur in Auseinandersetzung mit den überlieferten, vorhandenen Strukturen. Ein System, das zutiefst in allen Facetten der Aussonderungsstrukturen aus den letzten 200 Jahren verhaftet ist, verändert sich nicht per Dienstanweisung. Ein zentraler Aspekt der Theorie einer genussvollen Schulentwicklung umfasst daher die Freude und den Genuss der Subversion.
In diesem Sinne lade ich euch alle ein, mit Freude, positiven Sinnesempfindungen und geistigem Wohlbefinden über eine „Theorie der genussvollen Schulentwicklung“ nachzudenken.
Herzliche Grüße
Joachim Wolff
