April-Brief 2026

Betreff: Paula Modersohn-Becker und das werdende „Ich“ im Lehrberuf

Liebe Freundinnen und Freunde,

im Februar jährte sich zum 150. Mal Paula Modersohn-Beckers Geburtstag. Eine lange verkannte Ausnahmekünstlerin, der ich eher durch Zufall als durch Kunstverstand begegnet bin. In den letzten Wochen habe ich mehrere sehr empfehlenswerte Ausstellungen besucht. Das hat mir noch einmal in Erinnerung gerufen, warum sie mich als Pädagogen besonders berührt hat:

„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“

Sie sagt uns mit dieser nachdenklichen Aussage über sich selbst, dass das „Ich“ nicht statisch und unveränderlich ist. Ihr Wunsch, immer mehr „Ich“ werden zu wollen, setzt dabei ein inneres Bild des eigenen Entwicklungspotenzials voraus.

Dieses Nachdenken über innere Entwicklungsprozesse betrifft uns alle. Für Lehrkräfte bietet das Zitat zusätzlich den Hinweis auf eine besondere Dynamik: Während sie einerseits ihr authentisches Alltags-Ich in die Schule einbringen, müssen sie dort zugleich ihre professionelle Lehrpersönlichkeit entfalten.

Schulen können Lernen veranlassen, anregen und ermöglichen, aber nicht erzwingen. Lernen ist ein intraindividueller Prozess, der sich immer im Lernenden selbst vollzieht. Nicht ohne Grund ist der Satz: „Ich kann dich nichts lernen“ grammatikalisch unsagbar. Schulische Bildung ist durch die notwendige Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler eine seltsame Dienstleistung. Die Kinder und Jugendlichen sind nicht nur Objekte der Bildungsanstrengungen, sondern zugleich auch deren Mitproduzenten.

Aus diesem Grund können Lehrkräfte erst in der direkten Begegnung mit den Lernenden ihre professionelle Lehrpersönlichkeit entwickeln. Damit dies möglichst gut gelingt, erscheint es mir notwendig, Mentalisieren als festen Bestandteil der Lehrkräftebildung zu verankern. Im Prozess des Mentalisierens geht es nicht nur um das Mutmaßen über fremde Befindlichkeiten, sondern dazu gehört immer das Wechselspiel mit der jeweils eigenen – dazugehörigen – Verfassung. Ohne den Blick auf das innere Selbst wird es schwer, treffende Ideen über die inneren Zustände anderer zu entwickeln. Wie Eia Asen erläutert, geht es im Mentalisierungsprozess darum, „… sich innere Zustände wie Beweggründe, Gefühle und Überzeugungen, Bedürfnisse, Absichten, Wünsche, Erwartungen, Meinungen, Ziele, Motive im eigenen Selbst und in anderen vorzustellen und innere Gründe für eigenes und fremdes Verhalten zu finden.“

Professionalisierung im Lehrberuf heißt, kontinuierlich am eigenen professionellen Selbst zu arbeiten. Dazu ist es erforderlich, sich beständig kritisch reflektierend auf Mutmaßungen über das eigene Handeln und das der Lernenden einzulassen. Erst in der Reflexion der gemeinsamen Begegnung im Bildungsprozess entsteht das professionelle und stetig werdende „Ich“ der Lehrkraft.

Ich möchte Sie daher heute ermutigen, sich Paulas Hoffnung auf persönliches Werden anzuschließen und diesen Wunsch auch auf den beruflichen Alltag zu übertragen. Mentalisierung ist dabei (auch) für Lehrkräfte ein wirklich nützliches Instrument.

Herzliche Grüße

Ihr

Joachim Wolff

PS: … und nutzen Sie dieses Jahr unbedingt, um in die eine oder andere Ausstellung über das Werk dieser besonderen Frau zu gehen. Es lohnt sich!