Juli-Brief 2026

Betrifft: Ein Blick auf meinen Schreibtisch – Problemschulen oder Problemschülerinnen und -schüler?

Liebe Freundinnen und Freunde,

die Berichte über problematische Situationen in den Schulen nehmen zu. Ich bin überzeugt, dass ich zu diesen Diskussionen mit meinem neuen Buch zur „Ökologie der schulischen Entwicklung“ (Arbeitstitel) beitragen kann. Und so hadere ich mit mir, weil es noch immer in Arbeit ist. Ich brauche eben Zeit, um meine Gedanken in die richtige sprachliche Form zu bringen.

Wie schon beim „Aufbruch ins unentdeckte Land …“ betrachte ich Schulen und ihre Entwicklung mit Blick auf die in ihnen vernetzt wirkenden Einflussfaktoren. Gleichzeitig versuche ich, diese Komplexität anhand konkreter, wenn auch fiktiver Schilderungen nachvollziehbar zu machen. Obwohl meine Frau mein Vorhaben unterstützt, hat sie die ersten Entwürfe heftig kritisiert: „Niemand hat Interesse an langen, verschachtelten Bandwurmsätzen. Schreib doch einfach mehr von den Szenen, die einen in die Schule hineinblicken lassen. Die helfen Menschen wie mir, die nicht beruflich mit Schule zu tun haben, besser zu verstehen, wo die Probleme liegen.“

Diese allerersten Texte habe ich also vollständig verworfen. Aber da es keine gute Praxis ohne gute Theorie gibt, halte ich an der Verknüpfung beider Elemente fest. Allerdings bemühe ich mich noch stärker um eine klare und strukturierte Darstellung der theoretischen Aspekte. Das ist manchmal herausfordernd, weil ich es für notwendig halte, Ideen aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Richtungen miteinander zu verknüpfen.

Nun hat ein Freund den vorhandenen Text gelesen. Er kritisiert jetzt zusätzlich, dass die Dialoge in den verschiedenen Szenen viel zu geordnet und strukturiert ablaufen. Jugendliche aus Problemstadtteilen sprächen nicht so. Die Unterhaltungen müssten mit Wörtern wie „voll auf meinen Nacken“, „wallah“, „abfucken“, „Alter“ oder „Bruder“ lebendig gemacht werden. Wirklich?

Sprache und Lebenswelt

Nebenher unterstütze ich seit einiger Zeit ehrenamtlich die Arbeit des örtlichen Jugendwerks der AWO. Hier treffe ich auf junge Menschen, die im sozialen Brennpunkt leben. Einige von ihnen gelten als sogenannte Problemschülerinnen und -schüler. Im letzten Jahr haben wir gemeinsam an einer Wörterliste gearbeitet. Da ihre Sprache in der Schule nicht vorkommt und erst recht nicht in den Lesefibeln ihrer jüngeren Geschwister, habe ich mit ihnen in vielen Gesprächen nach den Wörtern gesucht, die man braucht, um das Leben im Viertel zu verstehen. Viel bedeutsamer als die Wörter, mit denen sie sich im sprachlichen Umgang untereinander begegnen, sind für sie tatsächlich Wörter wie „Arbeit“, „Familie“ oder „Respekt“. Gerade haben wir damit angefangen, diese Wörter in Bilder zu übersetzen und daraus Geschichten zu erzählen. Mit etwas Glück entsteht am Ende vielleicht ein eigenes Lesebuch der Jugendlichen über ihr Leben im Viertel.

Ich bin diesen jungen Menschen sehr dankbar für das, was sie mich in diesen Gesprächen haben lernen lassen. Einiges davon findet sich im aktuellen Entwurf meines Buches wieder. Dazu gehört insbesondere, dass ich die Bedeutung, die das Wort „Respekt“ für sie hat, viel klarer verstanden habe. „Wenn der Lehrer nicht respektvoll zu mir ist, dann bin ich auch nicht respektvoll zu ihm“, erzählte mir einer der Jugendlichen bei unserer gemeinsamen Wörtersuche. Und dann schilderten sie mir eine Vielfalt von erlebten Verletzungen und Mikroaggressionen. „Ich würde den Lehrerinnen und Lehrern gerne mal erzählen, wie Schule für mich ist“, sagt ein anderer, von dem ich weiß, dass er notorisch die Schule schwänzt. Wir haben das auf den Zettel mit unseren zukünftigen Vorhaben genommen.

Wie aber soll ich nun in meinem Text die Jugendlichen reden lassen? Sollen sie so sprechen, dass sie die sowieso vorhandenen Vorurteile bestätigen? Sollen sie in ihrem sprachlichen Ausdruck die Erwartungen durchbrechen? Wie trifft man den richtigen Sprachrhythmus in konfliktbeladenen Situationen? Ich erlebe jedenfalls jede Woche in einem respektvollen Kontext ausgesucht höfliche Kinder und Jugendliche. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Menschen haben die Fähigkeit, sich sprachlich verschiedenen Situationen anzupassen. Es gehört zu meinen Zielen, dem noch besser gerecht zu werden.

Widersprüche und Erkenntnisziele

Insgesamt aber ist das freiwillige Zusammensein im Jugendverband ja etwas deutlich anderes als das verpflichtende und fremdbestimmte Zusammensein in der Schule. Natürlich lassen mich die Schilderungen über eine wachsende Aggressivität in den Schulen, über zunehmende Unterrichtsstörungen, über Leistungsverweigerungen und vieles andere mehr nicht kalt. Aber ich stelle mir die Frage, wie es dazu kommt, dass sich dieselben Jugendlichen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich verhalten. Jugendliche, die in der Schule als aggressiv, lernschwach und leistungsunwillig gelten, führen mit mir reflektierte Gespräche über wichtige Probleme des Zusammenlebens. Sie sind hilfsbereit und kümmern sich liebevoll um Familie und Freunde. Ich frage mich dann durchaus, ob es um „Problemschülerinnen und -schüler“ geht oder um „Problemschulen“.

Hier geht es nicht um die Verteilung von Schuld zwischen vermeintlich schlimmen Kindern und Jugendlichen und vermeintlich unfähigen Lehrkräften. Es geht um komplexe Wechselwirkungen im Ökosystem Schule und um Möglichkeiten des Ausbrechens aus vorhandenen Strukturen. Das versuche ich in dem neuen Buch zu erklären und mit Beispielen zu illustrieren. Gerade die aus den Schulen geschilderten Szenen sollen eine emotionale Resonanz erzeugen, die die Situation der Beteiligten spürbar macht.

Und so ringe ich weiter um den richtigen sprachlichen Ausdruck. Mit ganzheitlichem Blick vermeintlich sichere und sichernde Strukturen sinnvoll infrage zu stellen, braucht eben Zeit.  

Herzliche Grüße,

ein nachdenklicher

 

Joachim Wolff