Betrifft: Ties Rabe zur Inklusion als ungeliebtem Kind der Bildungsdiskussion
Ties Rabe (23. Oktober 2026): „Ausgebremst. Inklusion – das ungeliebte Kind der Bildungsdiskussion“.
Liebe Freundinnen und Freunde,
ich habe mich wirklich gefreut, dass mit Ties Rabe ein prominenter Bildungspolitiker das Thema „Inklusion“ in seiner Kolumne beim Deutschen Schulportal angesprochen hat. Zu Recht beklagt er, dass sich dieses international ratifizierte Recht auch nach 15 Jahren an der Mehrzahl der deutschen Schulen noch immer nicht durchgesetzt hat. Allerdings teile ich seine Analyse der Ursachen nicht. Ich habe daher einen Kommentar auf der Seite des Portals hinterlassen. Aber mit 1.000 Zeichen ist man in seiner Aussagekraft doch sehr beschränkt. Daher möchte ich an dieser Stelle meine Kritik noch einmal etwas ausführlicher formulieren.
Kategorialer Irrtum statt diagnostischem Problem
Neben den politischen Unterschieden beschreibt Ties Rabe als erstes Beispiel unter der Überschrift „Kein wissenschaftlicher Konsens über Diagnostik“ ein vermeintlich zentrales Problem. Eine gelungene Diagnostik entsteht immer aus der Wechselwirkung zwischen dem Objekt der Diagnostik und seiner Umgebung. Das macht die Konsensfindung schwer. Inklusion ist daher nicht wegen der unterschiedlichen diagnostischen Verfahren problematisch, sondern weil es an Klarheit fehlt, was Inklusion eigentlich ist. Tatsächlich wird in der Debatte immer wieder zwischen einem „weiten“ und einem „engen“ Inklusionsbegriff unterschieden. Ich habe das an verschiedenen Stellen mehrfach kritisiert. Bei dieser Unterscheidung bleibt unbeachtet, dass es sich nicht um einen graduellen, sondern um einen kategorialen Unterschied handelt. Bevor es keine Klarheit darüber gibt, was man will, kann man auch nicht darüber streiten, wie man zu seinem Ziel gelangt.
Schulen, die mit einem engen Begriff arbeiten, sehen im inklusiven Entwicklungsprozess Schüler:innen mit diagnostizierten Förderbedarfen als ihre Zielgruppe. Diese sollen in eine Schule, die ursprünglich für sogenannte „Nichtbehinderte“ gedacht war, aufgenommen und trotz ihrer Beeinträchtigungen zur Teilhabe befähigt werden. So wollen diese Schulen einen Beitrag zum Abbau institutioneller Barrieren leisten. Tatsächlich aber wurde mit dem Begriff der Inklusion eine veränderte pädagogische Idee virulent: Vorstellungen von Kooperation oder Integration, für deren Realisierung im Wesentlichen Sonderpädagog:innen zuständig waren, sollten überwunden werden durch die Vorstellung von einer Schule, in der alle (wirklich alle!) ohne Angst in ihrer Einzigartigkeit verschieden sein können. Schulen, an denen die Kinder und Jugendlichen mit zugeschriebenen Behinderungen „inkludiert“ werden, sind schon auf der Autobahn in die Exklusion.
Die Fragmentierungsfalle verhindert das Verständnis des Ressourcenproblems
Als Nächstes beklagt Rabe „Verhärtete Diskussionen um Personalressourcen“. Natürlich gibt es ein Problem mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Aber vor dem Streit über das, was fehlt, müsste man doch konkret klären, was für welchen Zweck gebraucht wird. Nicht jede Doppelbesetzung ist funktional und verdoppelt die pädagogische Wirkung. Die brutale Wahrheit ist, dass es sich bei der überwiegenden Zahl der deutschen Schulen um fragmentierte Organisationen handelt. Das sind Lernorte, an denen die pädagogisch Tätigen grundsätzlich nur für sich selbst und ihre eigenen Lerngruppen Lösungen suchen (siehe auch: http://abenteuer-schulentwicklung.de/wp-content/uploads/2026/05/Inklusion-Organisationsentwicklung-Lehrkraeftearbeitszeit-1.pdf). Ohne eine systemische Neuinterpretation der Arbeitsweisen und Arbeitszeiten, ohne Ausbruch aus der Fragmentierungsfalle wird es niemals genug Ressourcen geben. An Schulen mit inklusiver Zielsetzung arbeiten in der Regel Menschen mit unterschiedlichen Ausbildungen, beruflichen Vorerfahrungen und Arbeitszeitregelungen. Allerdings entsteht allein aus dem Zuwachs an unterschiedlich ausgebildetem Personal keine Problemlöseschule und keine Transformation in einen inklusiven Schulentwicklungsprozess.
Auf die Haltung kommt es nicht an
Dieses Problem ist zum Teil selbst verschuldet. Mit der durch die Behindertenrechtskonvention ausgelösten Etappe der inklusiven Schulentwicklung wurde von vielen Schulentwicklungsberatenden die falsche Parole verbreitet: „Auf die Haltung kommt es an!“ Diese Behauptung, dass es auf die persönliche innere Einstellung ankäme, individualisiert den Entwicklungsauftrag und verstärkt eine dramatische Fehlentwicklung. Die Anforderung an die Entwicklung einer Institution wird zur Anforderung an vereinzelte Personen in fragmentierten Schulen. Ihr zwangsläufiges Versagen an dieser nicht leistbaren Aufgabe führt bei den Betroffenen nicht nur zu Zweifeln an der eigenen Haltung, sondern auch zu maximal ungesunden Belastungssituationen.
Meiner Meinung nach hätte Rabe gut daran getan, nicht über unklare diagnostische Verfahren, die problematische Ressourcenlage oder fehlenden Lobbyismus zu klagen. Inklusion scheitert nicht an den Kindern und Jugendlichen. Sie ist kein „Zusatzmodul“, kein „Nice-to-have“ für vermeintlich behinderte Kinder und Jugendliche. Inklusion ist der Prüfstein für eine menschliche und leistungsorientierte Lernorganisation im gesamten System Schule. Eine Schule der selbstverständlichen Verschiedenheit ist nur durch eine ganzheitliche Betrachtung der Schulen als ökologische Systeme zu erreichen. Dazu gehört als ein zentrales Element der Aufbau von Strukturen, mit denen die Isolation und Vereinzelung von Lehrkräften in fragmentierten Systemen überwunden wird. Gleichzeitig braucht es Arbeitszeitregelungen, die die Trennung der einzelnen Beschäftigtengruppen nicht länger fördern.
Blinde Flecken in der datengestützten Schulentwicklung
Ties Rabe bekennt sich immer wieder zur datengestützten Schulentwicklung. Doch Daten sind blind für das, wonach nicht gefragt wird. Ein elementares Werkzeug im Zusammenhang mit inklusiver Schulentwicklung ist nach wie vor der „Index für Inklusion“ (Ines Boban und Andreas Hinz). Wäre dies nicht ein notwendiger Ausgangspunkt, auf den sich die Betrachtung von Hemmnissen im inklusiven Schulentwicklungsprozess beziehen müsste? Wäre nicht zu beklagen, dass sich das „Deutsche Schulbarometer“ bei seinen inklusiven Fragestellungen nicht ausreichend an dem Index orientiert?
Das erinnert an den „Positivismusstreit“ der 1960er-Jahre, in dem es um faktenbasierte Forschung in der Sozialwissenschaft ging. Schon damals ging es um die Frage, was eigentlich als Problem erkannt und gelöst werden kann. Popper vertrat die Auffassung, dass jedes Problem durch die Entdeckung von Widersprüchen zwischen vermeintlichem Wissen und vermeintlichen Tatsachen entsteht. Ob Ties Rabe die richtigen Fragen zur Problemlösung stellt, darf man hinterfragen. Überträgt man Adornos Gedanken zu Popper auf die geforderte Schulentwicklung, wird unmittelbar erkennbar: Das Problem ungenügender inklusiver Schulentwicklung wird nur für diejenigen zum Problem, die sich eine andere Schule vorstellen können. Kann sich Rabe eine inklusive Schulwelt vorstellen, in der jede Schülerin und jeder Schüler als individuelle Persönlichkeit erkannt, wahrgenommen und akzeptiert wird? Eine Welt, in der die Lehr-/Lernprozesse dies konzeptionell berücksichtigen? Nur mit einem Blick auf das, was Schule sein soll und was sie eben nicht ist, lassen sich die Probleme erkennen, denen nachgegangen und die gelöst werden müssen.
Vermeintlicher Pragmatismus macht das System teuer
Wer den Weg zur systemisch-ökologisch ausgerichteten inklusiven Schulentwicklung geht, stellt fest: Nicht die Inklusion macht das schulische System teuer, sondern die fehlende systemische Bekämpfung von Fragmentierung. Der gleichzeitig damit verbundene Appell an die Haltung führt nicht wenige Lehrkräfte in den Burnout. In fragmentierten Systemen bleibt die einzige Lösungsidee der Aufbau von schulinternen Parallelsystemen, was das System nicht nur teurer macht, sondern auch einen ganzheitlichen Qualitätsverbesserungsprozess verhindert. Mit dem Index für Inklusion steht ein Werkzeug bereit, das für eine solche Schulentwicklung gezielt notwendige Strukturdaten liefern könnte.
Herzliche Grüße
Joachim Wolff
