Betrifft: Ohne Angst verschieden sein – WorldPride 2026 in Amsterdam
Liebe Freundinnen und Freunde,
fast überall ist Urlaubszeit. Ich selbst habe ein paar Tage Amsterdam besucht, einer der Gründe, warum mein Brief diesen Monat mit Verspätung erscheint.
Unter anderem war ich am 1. August einer der 500.000 Besucher, die die Canal Parade der WorldPride an den Grachten Amsterdams bewunderten. Auf 80 geschmückten Schiffen mit vielfältigen Besatzungen wurde das Motto „Unity“ gefeiert. Seit 25 Jahren erlauben die niederländischen Gesetze die Ehe für alle, nur einer der Gründe für ein großes Fest. Nur wenige Tage nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin nahm der niederländische Ministerpräsident bei strahlendem Sonnenschein im weißen Hemd auf einem kleinen Schlauchboot winkend an der Parade teil.
Ich habe noch nie so viele Menschen so friedfertig, freundschaftlich und lebensfroh an einer politischen Veranstaltung teilnehmend erlebt. Die LGBTQIA+ Gemeinschaft hat der Welt gezeigt, wie ein Zusammenleben aussehen könnte, in dem alle ohne Angst verschieden sind.
80 Jahre alt und immer noch aktuell: Adornos "Melange"
Das Erlebnis zeigt zugleich, wie notwendig es ist, sich auch heute noch intensiv mit Adornos 80 Jahre altem Text „Melange“ auseinanderzusetzen: „Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus …“ Der Anschlag auf den CSD in Berlin, nur wenige Tage vorher, aber auch die vielen anderen großen und kleinen Übergriffe sind ein deutlicher Verweis auf diesen Bumerang. Adorno schreibt weiter, „(…) daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht“. Den Totalitären geht es eben nicht um die Kontrolle über das Gesetz, sondern um die vollständige Kontrolle über das gesamte Leben der Menschen. Gleichheit gestatten sie nur denjenigen, die sich auch gleich machen lassen.
Dabei ist Verschiedenheit zumindest biologisch unumstritten. Biodiversität stabilisiert Ökosysteme, macht sie widerstandsfähiger und sichert so die natürlichen Lebensgrundlagen. Adorno schrieb, dass emanzipierte Gesellschaften nur entstehen, wenn wir „… (nicht einmal) die abstrakte Gleichheit der Menschen (…) als Idee propagieren.“ Stattdessen sollten wir „… den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“ Warum ist es so schwer, diese selbstverständliche Verschiedenheit in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben zu realisieren? Warum bestimmen stattdessen Ausgrenzungen die gesellschaftliche Praxis?
Die aktuellen Ereignisse stützen Adornos Behauptung, dass die Totalitären schon wissen, wer nicht dazugehört und ausgemerzt werden muss. Mit dem Aufruf zur „Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“ zielt Adorno darauf ab, in der menschlichen Gemeinschaft Differenzen nicht nur zuzulassen, sondern sie zu versöhnen, indem das Anderssein jedes Anderen ohne Angst selbstverständlich möglich ist. Ein Zustand, den man erreicht, wenn es keine Pflicht mehr ist, sich anzupassen, um dazuzugehören.
Selbstverständliche Verschiedenheit statt Gleichmacherei
Es lohnt sich, einen Moment darüber nachzudenken! Das Grundgesetz beginnt mit dem Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1) und legt fest, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind (Artikel 3). Eine emanzipierte Gesellschaft entsteht jedoch nicht durch Regularien zur Gewährung abstrakter Gleichheit vor dem Gesetz, sondern aus der Akzeptanz von und dem Respekt vor Verschiedenheit. In einer menschlichen Gemeinschaft, der die „Versöhnung der Differenzen“ gelingt, wäre eine inklusive Schule, die „Schule der selbstverständlichen Verschiedenheit“, der natürliche Rahmen zur Gestaltung von Bildungsprozessen einer so verstandenen demokratischen Gesellschaft. Dass sie das nicht ist, stellen alle täglich fest, die mit dem Bildungswesen zu tun haben. Darüber hinaus erscheint es mir persönlich immer fraglicher, ob deren Realisierung von den gesellschaftlich durchsetzungsstarken Gruppierungen überhaupt gewünscht wird.
Belonging statt Diversity
Das Startchancen-Programm ist das größte und langfristigste Bildungsprogramm in der Geschichte Deutschlands. In der 28 Seiten langen Vereinbarung zwischen Bund und Ländern kommt das Wort „Inklusion“ jedoch nicht vor. Warum ist das Startchancen-Programm kein Grundlagenprogramm zur Herstellung einer Art „gesellschaftlicher Biodiversität“ geworden? Die Verschiedenheit der Menschen in den Lerngemeinschaften bringt unterschiedliche Perspektiven und Vorerfahrungen in den gemeinsamen Lernprozess ein. Ihre Zusammenarbeit ermöglicht schöpferische Lösungsansätze, fördert kritisches Denken und Kreativität. Im inklusiven Schulentwicklungsprozess wird Vielfalt allerdings oft als „Diversity“ verstanden. „In meiner Klasse sind zwei anerkannte Inklusionskinder“, heißt es dann. Hier wird Mannigfaltigkeit missverstanden als statistische Kategorie, die eine neue Form von Ausgrenzung erzeugt. Auch dies ist ein Bumerang, der der vermeintlichen Toleranz entspringt. Erst wenn „Belonging“, Zugehörigkeit, das Kernelement des Umgangs mit Verschiedenheit und Vielfältigkeit geworden ist, kann sich diese zu einem sozialen und kognitiven Gewinn entfalten.
Was also wird gebraucht, damit sich alle willkommen, wertgeschätzt und zugehörig fühlen? Der Aufbau von „Schulen der selbstverständlichen Verschiedenheit“ muss nicht weiter begründet werden. Umso notwendiger aber müssen Antworten auf die zentralen Fragen nach pädagogischen Mitteln, Instrumenten sowie den erforderlichen Kenntnissen und Kompetenzen gefunden werden. Elementar müsste sich das Startchancen-Programm daher mit der Frage beschäftigen, wie die an den Schulen vorherrschende fragmentierte Arbeitsweise überwunden werden kann. Vielfalt, Verschiedenheit und die Schaffung unterschiedlicher Zugänge sind keine „Goodies“, keine Selbstzwecke, sondern das zentrale Fundament nachhaltig erfolgreicher Lernprozesse, auch im Bereich der Basiskompetenzen.
Es braucht Mut, sich in einem Klima der Bedrohung zu bekennen und trotzdem zu feiern! Ich danke der LGBTQIA+ Gemeinschaft für das wunderbare Erlebnis der Versöhnung der Differenzen, das für ein paar Stunden an den Grachten von Amsterdam spürbar wurde. Natürlich ist der tägliche Unterricht mit all seinen Herausforderungen kein Sommermärchen. Trotzdem hat mich der Tag ermutigt, weiterhin gegen Gleichmacherei und Monokultur in unseren Schulen zu kämpfen: Unity!
Herzliche Grüße
Joachim Wolff
